Ich nenne sie Sor X

Selbst Salesianische Schwestern werden alle paar Jahre versetzt. Und zwar von einer Gemeinschaft in eine andere. So kam es, dass sich mit dem Jahreswechsel eine Schwester in Richtung Panama Stadt aufgemacht hat und wir im Gegenzug zwei neue bekommen haben. Eine davon ist Sor X. Die propagiert freie Liebe und fettarmes Essen (eine revolutionäre Einstellung), offenbart sich in letzter Zeit aber mehr und mehr als Kontrollfreak. Zuviel frischer Wind kann schon mal Kopfweh verursachen.

Anfangs fand ich Sor X sehr spannend. Die erste Schwester, die sich nicht scheut, der Oberin offen zu widersprechen, natürlich immer mit Maß und Ziel. Sie rennt durch halb Panama Stadt um ihre – vorne unbedingt geschlossen – Sandalen aufzutreiben und erklärt der Dame an der Fleisch- und Käsetheke ohne mit der Wimper zu zucken, dass sie die zwei Pfund Käse nicht aufgeschnitten haben wollte (im Gegensatz zu den hundert Kunden vor ihr), sondern eben den ganzen Block. Die Supermarktangestellte seufzt und legt den Berg eben geschnittener Käsescheiben zur Seite.

Als die Köchin der Schwesterngemeinschaft auf Urlaub war, hatte Sor X die Alimentation ihrer Mitschwestern über. Dieser Kochlöffelwechsel drohte aber bald zur Lebensumstellung aller hungrigen Mäuler zu werden. Anders als die Köchin bestand Sor X darauf, dass zur Tafel Geladene pünktlich zu allen Mahlzeiten erscheinen. In der Praxis ist das kaum möglich, da man weder dem Unterricht, noch während der Bürozeiten den Auskunft suchenden Eltern  entfliehen und zum Essen laufen kann. Das ist auch der Grund, weshalb gerade beim Mittagessen die Schwestern und auch wir Zivis dann essen, wenn es sich gerade ausgeht.

Beim Abendessen kennt Sor X schon gar kein Pardon. Anstatt wie die Köchin einfach den Topf neben dem Herd stehen zu lassen, ist sie dazu übergegangen, uns telefonisch von der bevorstehenden Mahlzeit in Kenntnis zu setzen. Sie dürfte die Handyfunktion „steigende Lautstärke“ missverstanden haben, anders kann ich mir sieben unmittelbar aufeinanderfolgende Anrufe an das im Auto liegengelassene Handy nicht erklären.

Einmal hat sie den Vogel abgeschossen. Mein Zivikollege und ich waren mit zwei Lehrerinnen im Kino. Dummerweise hatte ich nicht bedacht, dass die Filmmitte mit der Fertigstellung der Abendmahlzeit  zeitlich zusammenfallen könnte, ein Telefonanruf von Sor X also unvermeidlich sein würde: Im Kino ohnehin peinlich und bei einem vor Gewalt triefenden Thriller gleich doppelt unpassend. Ich schreibe ihr eine SMS: Liebe Schwester, wir sind noch im Kino. Guten Appetit.

Am allerkompliziertesten wird es, wenn Sor X die Lebensmittel organisiert. Die bisherige Handhabung (Lebensmittel raus – Lebensmittel rein) wurde zu einem hochbürokratischen System weiterentwickelt, das jedes Reiskorn nach Zubereitungsdatum, weiterem Verwendungszweck, und vermutlich dem entsprechenden TCM-Element klassifiziert. Beim Einräumen in den Kühlschrank knackt sie dann regelmäßig internationale Tetris-Highscores. Das verwirrt Gott sei Dank nicht nur mich, sondern auch Sor X′ Mitschwestern, die sich ganz besorgt nach beiden Seiten umsehen, bevor sie – ohne die entsprechenden Antragsformulare fristgerecht eingereicht zu haben – das Milchpackerl dem Kühlschrank entführen.

PS: Wir wollen natürlich nicht gemein sein und deshalb Sor X auch ihre besonders sympathischen Eigenschaften zurechnen. Da wären nämlich vor allem ihr herrlicher Humor und ihre innovative Ader zu nennen. Und sie kocht auch ganz gut.

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